Projekt Hoffnung Ein globaler Marshall Plan für eine Welt in Balance
Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorienterte Wissensverarbeitung Ulm, Mitglied im Club of Rome und Mitbegründer der Global Marshall Plan Initiative
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Im Mai 2003 haben sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Medien und Nicht-Regierungsorganisationen zusammen getan und beschlossen eine gemeinsame Initiative auf den Weg zu bringen. Eine Initiative für einen Global Marschall Plan im Sinne eines Planetary Contract.
„Ja, wir gehen von der Position aus, dass die Situation der Welt, wie sie sich in Zeiten der Globalisierung darstellt, ein neues Politikkonzept erfordert, nämlich einen Gesellschaftsvertrag. Im Rousseau’schen Sinne ist das ja die Basis der Staatenbildung. Wir sind aber mittlerweile als Globus, als System Menschheit, als globale Ökonomie ein einziges System. Im Grunde genommen brauchen wir einen vernünftigen Gesellschaftsvertrag für den Globus. Wir müssen weg von der Vorstellung, wir hier, die da. Wir müssen auch weg von der Vorstellung, dass es in der Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd um so etwas wie Entwicklungshilfe geht. In Wirklichkeit haben wir ein Problem der Weltinnenpolitik. Wir haben auch ein Problem der Demokratie auf diesem Globus. Dabei steht gar nicht so sehr die Demokratiefrage innerhalb der Länder im Vordergrund, sondern die Demokratiefrage zwischen den Ländern. Wir haben die Situation, dass die zahlenmäßig größten Gruppen von Menschen einen absolut unterproportionalen Einfluss auf die wesentlichen Prozesse der Weltpolitik haben, die ihr eigenes Schicksal bestimmen.
Wir haben auch in Bezug auf die Verteilungsfragen die Situation, dass die Unterschiede nicht mehr so sehr in den Ländern liegen, sondern zwischen den Ländern. Aus all diesen Gründen brauchen die Perspektive einer Weltinnenpolitik, einen Weltgesellschaftsvertrag, ein neues Denken in der Art der Zusammenarbeit und das ist der Ausgangspunkt dieser Initiative.“
Millenniumserklärung und ihre 8 Entwicklungsziele – leider ist bis heute noch recht wenig passiert. Nicht einmal die Ziele dieser Erklärung sind der breiten Öffentlichkeit bekannt. Hier setzt die Global Marshall Plan Initiative an.
„Uns ist als Ausgangspunkt ganz wichtig, dass wir auf diesem Globus immer feierliche Erklärungen haben, was wir erreichen wollen, und dann kommt immer das Gegenteil raus, und dann waren immer irgendwelche bösen Potentaten schuld.
Wir glauben, dass es dahinter eine Logik gibt, nämlich eine Logik, dass viele den Status quo so wollen, wie er ist. Viele mit Macht, auch wenn sie das nicht sagen würden. Und die Funktion dieser Erklärungen ist sehr oft, Leute ruhig zu stellen, die Aktion fordern. Dann hat man nämlich seinen Plan, auf den man verweisen kann. Da die Menschen alle miteinander diese Erfahrungen mit den Plänen auch schon sehr oft gemacht haben, nehmen sie häufig die Pläne nicht mehr ernst.
Die Medien nehmen die Pläne auch nicht so ernst, weil wir ja alle gewöhnt sind, dass offenbar die Hauptfunktion der Pläne darin besteht, dass man dann gerade nicht macht, was in dem Plan steht. Unsere Sicht auf das Thema ist anders. Wir sagen, wenn man glaubwürdig argumentieren will, dann sollte man sich möglichst auf vernünftige Positionen berufen, die von allen Staaten dieser Welt unterschrieben sind. Denn wenn man das tut, kann jedenfalls niemand diese Positionen an sich als weltfremd bezeichnen, denn sie sind ja von den Machtstrukturen akzeptiert, ja geradezu von diesen selber erzeugt. Also muss man dafür sorgen, dass bekannt wird, was da unterschrieben wurde, selbst wenn es vielleicht nicht die Intention war, zu tun, was da unterschrieben wurde. Indem man es jetzt bekannt macht, indem man es positiv hervorhebt, indem man aber auch jeden Tag reklamiert, dass es getan wird, kann eine aufgeklärte Öffentlichkeit einen Druck in Richtung Politik entwickeln, zu tun, was da gesagt wurde. Und da es sich bei den Millenniumsentwicklungszielen um einen sehr vernünftigen Plan handelt, da die einzelnen Punkte ohnehin zu leisten sind, kann es nur vernünftig sein, das breit bekannt zu machen und darüber nachzudenken, wie sich dieses Ziel dieses Mal erreichen lässt.
Wir sind dabei übrigens von Seiten der Global Marshall Plan Initiative auch nicht allein. Es gibt vielmehr hunderte von NGOs, die dasselbe tun, nämlich in einer großen Kampagne bekannt machen, was die Staaten unterschrieben haben. Diesmal sollte es dann auch gelingen.“
Müssten da nicht alle Medien mitmachen?
„Das ist mehr eine Frage nach dem „Wie“ als dem „Ob“, denn interessanterweise findet man natürlich etwas in den Medien zu den Millenniumentwicklungszielen. Interessanterweise war es sogar so, dass letztes Jahr im September in New York der UN-Gipfel war, bei dem man 5 Jahre nach der Verabschiedung der Millenniumentwicklungsziele geprüft hat, wie weit man ist. Das war sogar der Zeitpunkt, zudem eine große Kampagne stattfand: „Make poverty history“, in deren Rahmen sich sogar der britische Premier Tony Blair als G8-Präsident für dieses Thema stark gemacht hat. Er hat dann zusammen mit einigen weltbekannten Musikern, u. a. Bob Geldof und Bono, wirklich weltweit Aufsehen erregt, und es sind dann auch Beschlüsse zustande gekommen.
Darüber haben die Medien natürlich breit berichtet. Der Punkt ist nur, dass unsere Medienlandschaft mittlerweile die Menschen mit dermaßen viel Informationen versorgt, dass es in dieser Flut von Informationen fast unmöglich ist, irgend etwas Wichtiges dann noch als solches zu erkennen. Das scheint mir in einem gewissen Sinne auch bereits System zu haben. Und man weiß ja aus der Gehirnforschung, dass ein Gehirn in der Fülle der Informationen ohnehin nur das wirklich wieder findet, was es schon weiß. Alles, was man weiß, ist eine Brille auf die Welt, und anschließend findet man überall, was man weiß. Aber nur deshalb, weil man’s weiß. Das heißt, das Wichtigste ist eigentlich ein Aufklärungsprozess, und sobald über Aufklärung und Kommunikation, wie wir sie von Seiten der Global Marshall Plan Initiative betreiben, genügend viele Menschen etwas über die Millenniumentwicklungsziele wissen, werden sie von da an ständig in allen Zeitungen etwas dazu finden. Aber eben genau so versteckt in einem großen Strom von Informationen wie alles andere auch.“
Die Global Marschall Plan Initiative wird inzwischen
von vielen Seiten unterstützt. Wer sind die Unterstützer?
„Wir haben zunächst in der Politik über alle Parteien hinweg sehr viel Unterstützung. Und wir haben uns ganz besonders gefreut, dass die Bundeskanzlerin bei der diesjährigen Eröffnung des Weltwirtschaftsgipfels in Davos einige zentrale Punkte angesprochen hat, die für uns in der Global Marshall Plan Initiative ganz besonders bedeutsam sind. Nämlich die Frage einer besseren Ordnung der Weltökonomie, ein besseres Governance System, bei dem insbesondere die sozialen und ökologischen Fragen mit den ökonomischen verknüpft werden müssen. Frau Merkel hat die soziale Marktwirtschaft in Deutschland, die ja eine stark ökologische Orientierung hat, als eine Art Blaupause beschrieben für das, was jetzt global zu leisten wäre. Die Extension dieser Idee auf den Globus hat sie als Programm beschrieben. Und wenn das nicht gelingt, sieht sie große Verwerfungen auf uns zukommen, genau wie wir in der Global Marshall Plan Initiative die Lage sehen.
Sie hat sich dann an anderer Stelle genauso klar geäußert zur Notwendigkeit der Regulierung des Weltfinanzsystems und gewisser Harmonisierungsmaßnahmen bei Steuern und Abgaben in Europa. Wir sehen das genau so. Da sind also Dinge jetzt auf einer guten Schiene.
Bei unseren Partnern in Österreich hat sich noch mehr getan. Drei österreichische Bundesländer unterstützen mittlerweile den Global Marshalle Plan, zwei weitere sind gerade im Entscheidungsprozess. Es gibt gute Aussichten, dass die Österreicher das Thema Mitte 2006 in der Abschlusserklärung zu ihrer EU-Präsidentschaft verankern werden.
Wir haben ein sehr gutes Umfeld mit den Kirchen. Übrigens nicht nur mit der christlichen Seite. Wir arbeiten mit dem Weltparlament der Religionen zusammen, mit Prof. Küng und der Stiftung Weltethos und mit dem Parlament der Kulturen in Ankara. Wir haben die glückliche Situation, dass der Präsident des Club of Rome, Prinz Hassan bin Talal aus Jordanien, der Onkel des jordanischen Königs und einer der größten Denker der islamischen Welt, ganz massiv das Thema Global Marshall Plan mit vorantreibt und eine Brücke in diese Welt bildet.
Ich komme zurück zu der Zusammenarbeit mit den Religionen bei uns. Der Global Marshall Plan war ein großes Thema auf dem letzten Evangelischen Kirchentag in Hannover. Er war vor wenigen Tagen auch ein zentrales Element der Konferenz Global Prayer - Global Player in Berlin, die die katholische Kirche zusammen mit der Bundeszentrale für politische Bildung und weiteren Partnern durchgeführt hat. Wir haben die Unterstützung mehrerer Bischöfe in Deutschland und Österreich, und das Thema ist auch bereits bei der Katholischen Bischofskonferenzkonferenz in Brüssel angekommen. Es gibt somit vielfältige Verbindungen in alle Richtungen, und wir sind dankbar dafür, denn wir sind eigentlich eine kleine Gruppe, die eher auf der intellektuellen Seite Beiträge leistet. In der Vernetzung mit anderen sehen wir die Chance, mit dieser intellektuellen Arbeit einen Beitrag zu einer besseren Gestaltung der Globalisierung zu leisten.“
Das alles kostet Geld. Wie finanziert sich die Global Marshall Plan Initiative?
Was kostet die Umsetzung der Entwicklungsziele der Millenniumserklärung?
„Ich würde vorschlagen, dass man diese Fragen kategorisch voneinander unterscheidet, denn die Größenordnungen, über die wir hier reden, die sind so unterschiedlich, dass man das nicht miteinander in irgendeiner Form verwechseln sollte.
Die Global Marshall Plan Initiative lebt bisher ohne jede öffentliche oder größere Fremdfinanzierung mit einem Budget von vielleicht 100.000 Euro pro Jahr, das die Hauptträger weitgehend selber persönlich und damit privat aufbringen. Dazu kommen Buchverkäufe und einige Spenden. Dies betrifft aber nur die finanzielle Seite. Hinzu kommt die intellektuelle Kapazität, viel ehrenamtliche Arbeit und viele weitere Formen der Unterstützung, die kostenlos von den Trägern eingebracht wird und von einem großen Netzwerk weiterer Unterstützer. Dies ist monetär gerechnet schon ein paar Millionen Euro pro Jahr wert, taucht aber natürlich in den Büchern nicht auf.
Auf dem Globus reden wir bezüglich der Finanzierung eines Marshall Plans über die Größenordnung von zusätzlich 100 Milliarden Dollar pro Jahr. Das ist dann eine Million mal das monetäre Budget der Global Marshall Plan Initiative. Der Global Marshall Plan auf diesem Globus braucht also wirklich Geld. Es geht darum, einen substantiellen Beitrag zur Überwindung der Armut auf diesem Globus zu leisten und beispielsweise dafür zu sorgen, dass alle Menschen auf diesem Globus eine Ausbildung bekommen. Die Global Marshall Plan Initiative kämpft darum, dass für Entwicklungszusammenarbeit über das heutige Niveau hinaus, das bei etwa 70 Milliarden pro Jahr liegt, weitere 100 Milliarden Dollar pro Jahr gebraucht werden. Dies führt in eine Größenordnung von durchschnittlich 170 Milliarden Dollar pro Jahr für den Zeitraum 2008 bis 2015. Das ist dann schon eine signifikante Summe. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass die Zinsleistungen der ärmeren Länder an die reichen Länder in etwa dieser Höhe liegen, und es ist zu beachten, dass es interessierten Kreisen nach dem 11.09.2001 gelungen ist, innerhalb kürzester Zeit die jährlichen Aufwendungen für Heimatsicherheit (Homeland Security) um genau diesen Betrag zu erhöhen. Wir glauben, dass es für die Herstellung von Homeland Security auf diesem Globus nichts Wichtigeres gibt, als die Millenniumentwicklungsziele durchzusetzen und argumentieren deshalb dafür, dass die Staatengemeinschaft gemeinsam, insbesondere natürlich die wohlhabenden Länder, dieses Geld aufbringen. Das, was hier zusätzlich gefordert wird, liegt im Bereich von etwa 0,3 % / 0,4 % des Bruttoinlandsprodukts dieser Länder. Wir reden also eigentlich über überschaubare Beiträge, insbesondere wenn man weiß, wie der Norden zu Lasten des Südens insbesondere auf die dortige Ressourcenbasis zugreift und unter den heutigen Terms of Trade eigentlich vollkommen ungenügende Kompensationen zahlt für das, was er da rausholt. Das heißt, die Machtasymmetrie zwischen Nord und Süd ist in das Weltwirtschaftssystem inkorporiert und führt zu entsprechenden Preisstrukturen, die de facto bedeuten, dass wir über die Weltmärkte gegenüber irgendeiner vernünftigen Logik auf jeden Fall viel zu preiswert an alle diese Ressourcen kommen und damit eigentlich unser Lebensstandard sehr substantiell zu Lasten dieser Länder hier finanziert ist. Da müsste es in einer weltinnenpolitischen Perspektive geradezu schon moralisch selbstverständlich sein, dass man die Investition zur Erreichung der Millenniumentwicklungsziele tätigt. Darüber hinaus würde dieser Schritt uns mittelfristig betrachtet alle reicher machen und dem Globus eine friedliche Zukunft ermöglichen.“ Es geht also um eine Win-Win-Konstellation.
Globalisierung bedeutet für die einen Bedrohung,für die anderen Chance. Bei dem Begriff „Globalisierung“ gehen die Meinungen weit auseinander. Kann die Global Marshall Plan Initiativedie Seiten zusammenbringen, und wie?
„Wir meinen, dass das geht. Wir meinen, dass zum einen die Globalisierung wie der Wind ist, das heißt man kann sie nicht aufhalten. Sie ist im Prinzip eine Folge technischer Entwicklungen, vor allen im Bereich Informations- und Kommunikationstechnik, aber zum Beispiel auch im Flugzeugbau. Deshalb haben wir heute die totale Globalisierung. Wir sind jetzt alle hautnah beieinander, weil die Informationen schnell sind und die Verkehrsmittel schnell sind. Das ist historisch in dieser Form neu und muss gestaltet werden. Und richtig betrachtet liegt in dieser Gestaltung eine Chance auf Verbesserung der Lebenssituation für fast alle Menschen. Das ‚fast’ bezieht sich auf einige, denen vielleicht unter einer vernünftigen Gestaltung der Globalisierung einige der besonderen Bereicherungschance genommen werden, die sie heute haben. Das heißt nicht, dass es denen dann schlecht geht, aber das heißt, dass bestimmte Formen extremer Argumente, die heute bis hin in ökonomische Formen der Sklavenhaltung reichen, dann ausgeschlossen sein werden. In dem Sinne muss es nicht für jeden eine bessere Lösung sein, die man hinbekommen könnte. Aber es wäre für fast alle eine bessere Lösung. Diese wäre besser als die Situation ohne weltweite Zusammenarbeit wäre und es wäre auf jeden Fall besser als die heutige Form der Globalisierung.
An dieser Stelle ist also jetzt zu überlegen, was läuft an der heutigen Globalisierung falsch? Wer profitiert? Wer verliert?
Die heutige Globalisierung beinhaltet zunächst, dass sie den ärmeren Ländern in der Summe Chancen bietet, auch wenn dies mit gleichzeitigen „Plünderungsprozessen“ zu ihren Lasten verbunden ist. Diese Chancen entstehen zum Teil zu Lasten von 80 % der Bevölkerung in den reicheren Ländern. In dem Prozess, wie er heute läuft, haben zwar die reicheren Länder nach wie vor Wachstum, werden also als Länder noch reicher. Aber der Prozess ist so organisiert, dass 80 % der Menschen in diesen Ländern ärmer werden als sie vorher waren. heißt wir haben in den reichen Ländern 80 % Verlierer eines Prozesses, in dem 20 % in diesen Ländern doppelte Gewinner sind. Der Gewinn besteht einerseits in dem, was zu-wächst, und andererseits noch in dem, was sich die 80 % verschlechtern. Für die ärmsten auf dem Globus gibt es zwei unterschiedliche Entwicklungen. Zum Teil ist dieser Prozess mit unglaublichen Plünderungen der Umwelt verbunden. Das ist dann für viele dort ein kurzfristiger und für alle ein langfristiger Nachteil. Kurzfristig trifft dies vor allem die Ärmsten auf dem Globus – weshalb ein Teil der Ärmsten jetzt in einer noch schlechteren Situation als vorher ist. Andererseits eröffnet dieser Prozess Ärmsten Chancen auf Arbeitsplätze, und seien sie auch schlecht bezahlt. Das ist dann für diejenigen ein Fortschritt, die einen zeitlichen Arbeitsplatz erhalten, wobei die Koordinatoren dieser Prozesse in den armen Ländern auf das Niveau der Reichsten in den reichen Ländern hoch wachsen können. Es gibt also eine Gruppe von Eliten der armen Länder, die die absoluten Gewinner dieser Prozesse sind, das sind die Träger von Macht und diejenigen, die neuen ökonomischen Prozesse geeignet initiieren und steuern. Insgesamt läuft das auf einen Globus hin, der reicher wird als er war, indem sich aber die Arm-/Reichbereiche jetzt verändern. Nicht mehr der Norden ist reich und der Süden ist arm, sondern es gibt Reiche überall auf dem Globus, und es gibt Ärmere überall auf dem Globus, wobei natürlich die Ärmsten nach wie vor im Süden sitzen, aber ein Teil der bis heute reicheren auch deutlich ärmer wird.
Man nennt diesen Prozess die ‚Brasilianisierung’. Man kann das so ausdrücken: der Globus bewegt sich auf die sozialen Ausgleichsverhältnisse Brasiliens zu. Die sind besser als die des Globus. Aus Sicht der Ärmsten auf dieser Welt ist das ein Fortschritt in Richtung weltweit sozialen Ausgleich. Aus der Sicht sozialer Demokratien ist es für 80 % der Bevölkerung ein Alptraum, ein Rückschritt in Verhältnisse, die wir vor 150 Jahren überwunden haben. Insofern ist also eine Diskussion um Weltinnenpolitik und Entwicklungshilfe, wie sie oft geführt wird, falsch, die sich entlang des Terminus wir müssen abgeben, wir müssen teilen, wir müssen verzichten bewegt. Es geht für 80 % der Bevölkerung in den reichen Ländern nicht darum, dass sie mit irgendwem teilen müssen, um diesen zu helfen. Vielmehr müssen sie sich dadurch auch selber helfen. Nur wenn wir alle eine vernünftige globale Struktur mittragen, eine Struktur der Weltinnenpolitik, nur wenn wir Co-Finanzierungsmittel für ärmere Ländern aufbringen, schützen wir in diesem Prozess unsere eigene Position bei uns.
Es gibt eine andere Analogie, an der man das ganze gut verstehen kann, worum es geht. Es gibt ähnliche Diskussionen bezüglich der Situation der Frau. In sozialen Demokratien ist eine Menge gelungen bezüglich der Verbesserung im Bereich der Gleichberechtigung der Gesellschaft, und vieles davon gibt es in den ärmsten Ländern nicht. Nun ist die Globalisierung, so wie sie zurzeit abläuft, für viele Frauen auf diesem Globus ein Fortschritt gegenüber den unerträglichen Verhältnissen, untern denen sie jetzt leben. Es ist aber natürlich nicht das, was die Frauen in der reichen Welt schon erreicht haben. Soll man nun einen Rückschritt in dem Erreichten bei den Frauen in der reichen Welt positiv sehen, wenn damit verbunden ist, dass es den ärmsten Frauen auf diesem Globus ein Stückchen besser geht? Oder sollte man nicht besser einen Prozess initiieren, in dem in den reichen Demokratien die Situation gehalten werden kann wie sie ist, und die Ärmsten auf dem Globus sich kontinuierlich auf das Niveau bewegen, das wir jetzt erreicht haben? Genau so wäre es in einer vernünftig geordneten Globalisierung. Wir müssten nicht den sozialen Ausgleich in Ländern wie Deutschland zurück bauen, um in einem freien Markt aller gegen alle zu überleben in Form eines sozialen Rückbaus, sondern wir könnten das bisherige Niveau bezüglich Wohlstand und Ausgleich halten und würden dafür sorgen, dass der Rest des Globus sich auf dieses Niveau bewegt und nicht bei einem brasilianischen Niveau stehen bleibt.
Das ist übrigens das, was wir in EU-Erweiterungsprozessen tun. Die Logik der EU-Erweiterungsprozesse ist nicht, dass sich die reicheren Länder der EU im Ausgleich zurück bewegen auf das Niveau ärmerer Neuankömmlinge, sondern wir regeln das so, dass sie sich die ärmeren Neuankömmlinge zügig auf das Niveau bewegen, auf dem sich die alte EU schon befindet.
Das wäre die bessere Globalisierung und dieses Modell wollen wir auf den Globus übertragen. Es ist das Modell einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft. Das ist die Stoßrichtung, in die die Bundeskanzlerin Anfang 2006 bei ihrer Eröffnungsrede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos argumentiert hat. Wir müssen diese Perspektive einer weltweiten sozialen Marktwirtschaft verfolgen und nicht über die Freihandelsstruktur den Rückbau organisieren.
Das Prinzip, das man dann einsetzen muss, ist nicht Freihandel, sondern ein gemeinsamer Markt. Und das ist eine koordinierte Marktöffnung, die mit der Durchsetzung gemeinsamer Standards, etwa für Umwelt und Soziales, dann aber auch der Co-Finanzierung der sich entwickelnden Länder durch die reicheren Länder gekoppelt wird. Co-Finanzierung ist ein typisches Element von Innenpolitik.“
„Projekt Hoffnung, ein globaler Marshall Plan für eine Welt in Balance“
– was kann, was muss jeder einzelne tun?
„Ich würde gern das Wort ‚Balance’ noch mal aufgreifen, das ist unsere wichtige Orientierungslinie. Wir glauben, dass es nicht nur um die Effizienz ökonomischer Prozesse geht, sondern auch um die Durchsetzung von ethischen Prinzipien, die der Menschheit fehlen, Prinzipien wie Friede, Gerechtigkeit, Würde, Nachhaltige Entwicklung etc. Das sind Zielvorstellungen über das Zusammenleben von Menschen, und das bedeutet eine geeignete Differenzierung im Sozialen, also keine Gleichmacherei. Aber es bedeutet genauso wenig beliebige Differenzierung, sondern Inklusion, Chancengleichheit, Solidarität und die Abdeckung von Risiken, also letztlich eine Balance-Frage bezüglich der Verteilung der Einkommen. Und das ist mehr als die Herstellung von Chancengleichheit, obwohl dieses, vor allem was die Ausbildungssituation und das Grundeinkommen anbelangt, einen wesentlichen Teil dies Ausgleichs einnimmt. Wir sehen natürlich dieselbe Balance-Herausforderung in der Wechselwirkung des Menschen mit der ihn umgebenden Natur. Wichtig ist die übrige Natur hat einen Eigenwert. Es geht also nicht nur um Umweltschutz, weil das auf Dauer gut für uns ist, sondern weil ethisch betrachtet die übrige Welt einen Eigenwert hat. Das ist eine Balancefrage zwischen Mensch und Natur.
Und dann geht es natürlich noch viel mehr um Balance zwischen Kulturen.
Jede Kultur ist eine Sicht auf die Welt. Jede Kultur ist eine Möglichkeit, das Soziale zu regeln. Wenn man sich an etwas 30, 40, 50 Jahre gewöhnt hat, dann ist es tief in den eigenen Nervennetzen verankert. Unabhängig von der Frage, was attraktiver ist, unabhängig von der Frage, was irgendwie besser argumentierbar ist, sind jedenfalls die Veränderungsprozesse mit Augenmaß und mit Geduld, und mit der richtigen Zeitperspektive vorzunehmen, weil man es mit biologischen Strukturen zu tun hat. Wenn man so will, muss man mit geronnenem Wissen umgehen, das in unseren Nervennetzen manifestiert ist.
Also ist ‚Balance’ eines der zentralen Worte der Initiative. Wir glauben, dass Zukunfts-Sicherung Balance-Sicherung ist.
Schließlich komme ich zu der Frage, die uns immer gestellt wird, was kann der einzelne tun? Viele Menschen sind hoch motiviert, wenn sie vom Global Marshall Plan hören, wollen dann aber auch sofort etwas machen. Die Frage ist, was kann man tun?
Die Antwort zu dieser Frage hat mehrere Ebenen. Wir von der Global Marshall Plan Initiative glauben zunächst einmal, dass die wichtigste Herausforderung im Verstehen liegt. Wir befinden uns in einer sehr komplexen Welt. Es gibt Akteure, die eine Agenda verfolgen, über die sie nicht reden. Denn Akteure nutzen Massenmedien nutzen, Bilder zu transportieren, die von der wahren Situation ablenken und falsche Reaktionen hervorrufen. Dagegen hilft nur Aufklärung, dagegen hilft nur verstehen. Dabei geht es um Vernetzung. Wir motivieren deshalb jeden, dass er schlicht und ergreifend Zeit aufbringt, um Dinge besser zu verstehen. Und wir sagen immer dazu, das macht man nicht primär aus einer „Herz-Jesu Hilfsmentalität“. Vielmehr ist es so, dass man idem man das tut, sich selber hilft. Und wenn man sich mit anderen vernetzt und mit anderen kommuniziert, dann baut man auch ein Gegenwissen auf, mit dem man sich gegen systematische Manipulation schützen kann. Und über entsprechende Netzwerke schafft man zugleich einen Resonanzboden, der es vernünftigen Politikern erlaubt Vernünftiges zu tun in einer Welt, in der zurzeit die höchsten Belohnungen für Unvernünftige vergeben werden.
Deshalb sagen wir, jeder hat schon einen wichtigen Beitrag geleistet, wenn er dafür sorgt, dass er die Welt besser versteht. Und wenn er dann noch einen weiteren Menschen pro Jahr in einem Schneeballverfahren überzeugt, ähnlich zu operieren, dann ist eigentlich schon alles geleistet, was wir brauchen, denn wenn das 33 Jahre lang gelingt, dann sind wir 2³³ Personen, und das sind 8 Milliarden Menschen, und dann haben wir eine aufgeklärte Weltbevölkerung.
Vielen ist diese Empfehlung aber zu abstrakt, zu intellektuell. Viele wollen etwas Konkretes tun. Und da gibt es ebenfalls viele Möglichkeiten in der Gestaltung des eigenen Lebensstils. Jeder von uns ist Konsument, jeder von uns übt sehr viel Macht aus über das, was er kauft. Übrigens auch in dem, was er verschenkt.
Man kann sich dann überlegen, ob man öfter Produkte aus der Dritten Welt nimmt, statt normal gehandelte, oder ob man regionale bäuerliche Produkte fördert, statt Produkte, die relativ preiswert über globale Distancen zu Lasten der Umwelt transportiert werden. Dabei sollte man nicht diskriminatorisch vorgehen. Es gibt legitime Anliegen im Süden, die zu fördern sind, es gibt legitime Anliegen, die bei uns zu fördern sind, und ein aufgeklärter Konsument kann das fördern, was er für wichtig hält.
Und dasselbe können wir tun, wenn wir Geld anlegen, zum Beispiel die, die über größere Geldmengen verfügen, die sich bei bestimmten Fonds beteiligen. Es gibt heute Angebote für nachhaltige Fonds. Bei den nachhaltigen Fonds gibt’s durchaus Differenzierungen der jeweiligen Produktgruppen, in denen man sich engagiert, also besteht da eine weitere substantielle Möglichkeit der eigenen Einbringung.
Natürlich geht vieles andere. Man kann Mitglied in einer Nichtregierungsorganisation werden. Es gibt viele unterschiedliche Nichtregierungsorganisationen, zum Beispiel den BUND, Greenpeace, Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International, Menschen für Menschen. Und dann kann man sich mit seinem Intellekt und mit seiner Zeit einbringen in Prozessen wie den Global Marshall Plan, und man kann sich mit Geld einbringen. Geld ist nicht unbedeutend. Es gibt viele Menschen, die mit ihrer Kapazität und Zeit viele vernünftige Dinge ehrenamtlich tun. Wenn andere ihnen Geld vertrauensvoll zur Verfügung stellen, dann können sie mit einem kleinen eigenen Arbeitsaufwand und mit vergleichsweise auch bescheidenen Mitteln in Wechselwirkung mit anderen vieles ermöglichen, was andere ehrenamtlich tun.
Das heißt JA, für jeden besteht die Möglichkeit HEUTE und SOFORT etwas zu tun, und in der Vernetzung mit anderen außerdem zu wissen, dass das nicht nur ein Tropfen auf einen heißen Stein ist, sondern durch die Vernetzung mit anderen durchaus eine Welle werden kann, die sich zu einer Kraft entwickelt, die die Welt verändert.“
Kathrin Seyfahrt
(25.03.2006)
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