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Gonzague Pierre Louis Special Learning Centre
Marie Bernard und ein Teil ihrer Familie

 

Rodrigues vom 30. März bis 6. April 2008

 

Nach fast 1 ½ Jahren war es wieder einmal Zeit für einen Projektbesuch nach Rodrigues zu fliegen. Dort wird von Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. das Gonzague Pierre Louis Special Learning Centre (kurz: GPLSLC) – Kindergarten und Schule für behinderte Kinder unterstützt, und es gab einige Punkte mit Direktorin Susan Auguste vor Ort zu besprechen.

Susan ist eine strenge, aber gleichzeitig einfühlsame und liebevolle Lehrerin. Dass die Kinder sie lieben, spürt der Besucher vom ersten Moment.

Aber Susan kümmert sich nicht ausschließlich um Schule und Kindergarten, sie betreut und unterstützt vielfach auch die sehr armen Elternhäuser oder allein erziehenden Mütter, wie zum Beispiel Marie Bernard und Marceline Perrine.

Das kleine Mascarenen-Inselchen mitten im Indischen Ozean misst gerade einmal 18 km Länge und 8 km Breite und ist die „kleine Schwester“ des rund 600 km entfernten Inselstaates Mauritius. Die etwa 37.000 Einheimischen stammen überwiegend von afrikanischen Sklaven sowie französischen und englischen Siedlern ab, die sich ab Ende des 17. Jahrhunderts auf der Insel niederließen. Später kamen auch einige Asiaten, vorwiegend Inder und Chinesen, dazu.

Amtssprache ist Englisch, Französisch jedoch verbreiteter und beliebter, da es der kreolischen Alltagssprache der Bewohner sehr viel ähnlicher ist.

Die Insulaner beeindrucken ihre Gäste durch eine einzigartige Kombination von Einfachheit, Liebenswürdigkeit und Gastfreundlichkeit.

Es gibt zwar ein paar Hotels, einfache Gäste- oder kleine Ferienhäuser, aber Rodrigues ist kein Touristenmagnet und wird vom Mutterland Mauritius eher vernachlässigt denn gefördert.

Besonders im hügeligen Inselinnern herrscht eine große Armut. Nicht selten müssen sich hier mehrere Kinder ein Bett teilen, oder hausen zehn-, zwölfköpfige Familien in 2- bis 3-Raum-Wellblechhütten. Gekocht wird in der Regel im Freien oder einem winzigen Verschlag. Das Wasser kommt aus dem Tank, der monatlich aufgefüllt wird,  und auch eine Latrine hat längst nicht jede Familie. Strom gibt es in der Regel, doch wird die Rechnung nicht rechtzeitig bezahlt, wird er ganz einfach abgestellt.

Die Arbeitslosigkeit ist enorm hoch, und überhaupt gibt es für den Großteil der Bevölkerung immer nur saisonbedingt Arbeit.

Gab es bei meinem ersten Inselbesuch im Jahr 2002 für 1 Euro „nur“ 26 Rupies, so gibt es heute zwischen 40 und 41 Rupies. Dementsprechend sind die Lebenshaltungskosten für die Einheimischen gestiegen, und haben sich insbesondere die Preise für Grundnahrungsmittel explosionsartig verteuert.

Auf der Insel gibt es einen großen Anteil behinderter Menschen, und in den letzten Jahren mehr und mehr behindert geborener Kinder. Das dürfte zum einen Folge starker Inzucht sein, zum anderen Folge sehr vieler alkoholkranker Menschen.

Gewalt und Missbrauch gibt es offiziell nicht, ist aber vielfach leider an der Tagesordnung. So kommt es häufig vor, dass gerade behinderte Mädchen vergewaltigt und geschwängert werden.

Hier wäre ein verbessertes Familienplanungs- und  Präventionsprogramm – letzteres vor allem für Schulen – dringend notwendig.

 

Im Gonzague Pierre Louis Special Learning Centre erfahren schwer hör- und sehbehinderte, vor allem aber auch stark lernbehinderte Kinder, die in einer normalen Schule kaum eine Chance hätten, eine ihnen gemäße Schulbildung, die sie befähigen soll, später ein eigenständiges und unabhängiges Leben führen zu können.

35 Kinder besuchen derzeit das laufende Schuljahr 2008 – davon 11 den Kindergarten und 24 die Schule. Die Schulkinder sind altersgemäß in 4 Unterrichtsgruppen eingestuft. Schulpflicht besteht bis zum 16. Lebensjahr.

Von Ende Januar bis zum 4. April hat die Berliner Journalistin Silke Bender ehrenamtlich für Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. in Kindergarten und Schule mitgearbeitet. Sie sagt: „Was diese Kinder hier erfahren und lernen, wird ihr weiteres Leben prägen. Dank dieser Einrichtung bekommen stark lernbehinderte Kinder, die sonst früher oder später aus der Gesellschaft einfach raus fallen würden, eine gute und fundierte Chance, ihr Leben einmal selbst in die Hände zu nehmen. Das GPLSLC ist eine wunderbare und unterstützenswerte Einrichtung.“

Während meines einwöchigen Inselbesuches nehme ich täglich ein paar Stunden an Schul- und Kindergartenleben teil. Dabei steht unter anderem ein Ausflug an den Strand mit Baden, Muschelsuchen und Picknick auf dem Programm sowie gemeinsam einen Kuchen zu backen für den letzten Schultag vor den 2-wöchigen Frühlingsferien, und ein paar Kinder wachsen mir besonders ans Herz. Zum Beispiel der knapp 5-jährige Philbert aus der Kindergartengruppe, der für sein Alter viel zu klein ist und gerade wie höchstens 3 ½ wirkt. Oder Ashveena, das kleine Mädchen, das trotz ihrer schon 7 Jahre noch den Kindergarten besucht. Ohnehin körperlich und Intelligenz mäßig stark zurück geblieben, hatte sie vor einem Jahr einen schweren Unfall. Ein LKW hatte das Kind überrollt. Zwei Wochen lag sie im Koma, weitere 2 Wochen auf der Intensivstation. Ashveena ist schwer traumatisiert, sie spricht kaum, und nur äußerst selten huscht ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht.

Der 7-jährige fast gehörlose Norbert besucht seit 2006 das GPLSLC. Der schlaue kleine Knirps spielt in seiner Gruppe gern mit seinen Clownereien den großen Unterhalter.

Der 11-jährige Jonathan begrüßt mich jeden Morgen freudestrahlend mit Handschlag. Er besucht diese Schule seit 2005, weil er aufgrund seiner mangelnden  Sprechfähigkeiten die normale Schule verlassen musste. Er kann sich kaum konzentrieren und sich etwas zu merken, fällt ihm unendlich schwer. Seine ebenfalls 11-jährige Cousine Sivilla besucht das GPLSLC seit Februar 2006. Sie ist stark lernbehindert und hat außerdem ein schweres Hüftleiden.

Ein paar Kinder kenne ich nun schon seit 6 Jahren. Darunter einige, die die Schule aus Altersgründen verlassen, oder ganz einfach, weil sie den Absprung in eine höhere Schule geschafft haben, wie zum Beispiel O’Brian, der nun schon im 2. Jahr die Landwirtschaftschule besucht, oder Marie-Claire, die eine gute Schülerin im College geworden ist.

Die beiden 14-jährigen Davidson und Alex besuchen das so genannte Trainingsprogramm. Das bedeutet, sie sind teilweise noch in der Schule und nehmen teilweise an einer Ausbildung in der Behindertenwerkstatt und in der Imkerei teil. Beides, Werkstatt und Imkerei, sind ebenfalls auf dem Schulgelände, wurden von dem Engländer Paul Draper 1990 ins Leben gerufen  und sind bekannt unter dem Namen CareCo.

Sharon war 5 Jahre alt, als ich sie zum ersten Mal sah und äußerst scheu und still. Sie ist schwer hörbehindert und trägt Hörgeräte. Auch wenn sie sprachlich recht schwierig zu verstehen ist, so hat sie sich zu einem fröhlichen, aufgeschlossenen Mädchen entwickelt, die es liebt zu tanzen.

Alle diese Kinder, sowie alle diejenigen, die ich hier nicht einzeln aufgeführt habe, sind ein wunderbares Beispiel, was mit relativ wenig finanziellen Mitteln möglich ist. Es ist beglückend zu erleben, wie sich die Kinder entwickelt haben oder noch entwickeln.

Um alle anfallenden Kosten für Schule und Kindergarten zu decken (darin enthalten z.B. Strom, Wasser, Lehrergehälter, Erhalt der Gebäude, Anschaffung von Schulmaterial, Schuluniformen und warme Mahlzeiten), sind jährlich 500.000 Rupies, umgerechnet ca. 12.500 € vonnöten. Ein Teil dieser Summe kommt aus Frankreich, ein Teil aus England und Kanada.

3.600 € stammen pro Jahr von Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V., davon 2.400 € für die Schule und 1.200 € für den Kindergarten. Vor zwei Jahren konnte aufgrund der Zusage von jährlich 1.200 € für den Kindergarten dieser gestartet werden.

An dieser Stelle ein sehr herzliches „Vergelt’s Gott“ Ihnen allen, die Sie uns für Rodrigues und das GPLSLC unterstützen.

Dringend benötigt werden für ein paar Kinder Hörgeräte. Ein Paar kostet 16.000 Rupies, das sind 400 €.

Außerdem sind die Hörtest-Geräte ziemlich alt und müssen demnächst erneuert werden. Vielleicht gibt es hier auch Möglichkeiten ein gut erhaltenes gebrauchtes Gerät aufzutreiben.

 

An Marie Bernard werden sich viele unserer Spender erinnern. Von jener Großmutter, die mit einer Vielzahl von Enkeln und Urenkeln unter armseligen Bedingungen im Inselinnern in Le Choux lebt, habe ich bereits in vorherigen Berichten erzählt.

Gemeinsam mit Susan Auguste und Silke Bender habe ich sie auch dieses Mal wieder besucht.

Leider leben Marie Bernard und die Kinder (insgesamt 14 Personen) noch immer im feuchten Steinhaus sowie der daneben stehenden völlig runter gekommenen Wellblechhütte.

Zunächst musste sie (und auch wir von Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V.) fast zwei Jahre auf die Verlängerung des Pachtvertrages warten. Hatte der Architekt, der beauftragt war einen Bauplan zu erstellen, keine Zeit. Der schließlich von ihm gemachte Vorschlag (ein neues Haus) war zwar schön, aber mit angesetzten 30.000 € viel zu teuer und indiskutabel.

Wir mussten nach einer Lösung suchen und haben den Architekten ebenfalls zu Marie Bernard bestellt. Meine Einwände konnte er verstehen.

Nach eingehender Prüfung aller Gegebenheiten vor Ort sind wir schließlich zu einem befriedigenden und vor allem auch preiswerten Ergebnis gekommen. Für insgesamt 6.500 € kann hinter dem Steinhaus eine Kanalisation gelegt und können die Fenster neu verkittet werden. Die Wellblechhütte wird ersetzt durch einen hausähnlich umgebauten Container. Steinhaus und Container schließlich werden mit einer Dachkonstruktion verbunden, wodurch so etwas wie eine „Terrasse“ zwischen den Gebäuden entsteht. Dort können gemeinsame Mahlzeiten stattfinden, Kinder ihre Hausaufgaben machen…..

Außerdem wird etwas versteckt im Garten eine Latrine aus Wellblech aufgestellt.

3.250 € liegen bereits aus Spendengeldern auf einem Festkonto für Marie Bernard auf Rodrigues. Weitere 3.250 € werden von Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. nach Vorliegen des endgültigen Kostenplans zur Verfügung gestellt.

Meine erste Begegnung mit Marie Bernard liegt fast 5 Jahre zurück. Es hat mich erneut tief berührt, zu sehen, dass die inzwischen 71-jährige die Hoffnung nie aufgegeben hat. Sie ist nicht mehr die kraftvolle Frau, als die ich sie kennen lernte, sie ist sehr gealtert. Sie weiß, dass auch noch einmal Zeit vergehen wird, bis alle Bauarbeiten durchgeführt sind, aber sie ist es gewohnt zu warten, und für einen Moment lächelt sie und leuchten ihre Augen. Das ist der Moment, in dem ich weiß: ich werde auch nicht aufgeben, sondern weitermachen. Ich werde weiter um Mittel bitten, um auch auf diesem weit ab gelegenen Eiland Kindern, benachteiligten Frauen und Behinderten zu einer besseren Zukunft zu verhelfen.

 

Marceline Perrine wohnt mit den jüngeren fünf ihrer insgesamt sieben Kinder ebenfalls im Inselinnern. Genauer im Dörfchen Namen Vanguard zwischen Mont Lubin und Citronelle. Susan parkt das Auto am Straßenrand. Von dort müssen wir etwa 200 m abwärts durch Gestrüpp und unwegsames Gelände bergab gehen, bevor wir die Wellblechhütte der allein erziehenden Mutter erreichen.

Die 16-jährige hoch schwangere Tochter Prisca empfängt uns herzlich und bittet uns in einem der zwei Räumlichkeiten Platz zu nehmen. Wenig später kommen Alex (14) und Marceline Perrine mit der 5-jährigen Benjamine, die sie gerade vom Kindergarten abgeholt hat, nach Hause. Josca (11) und Stefanie (8) sind noch in der Schule.

Marceline Perrine ist 38 Jahre alt und seit 6 Jahren geschieden. Ihr Mann hat sie nie sehr gut behandelt. Er wurde straffällig und saß auch zeitweilig im Gefängnis. Geld für die Kinder hat sie nach seiner Entlassung nie von ihm bekommen. Die beiden ältesten Söhne (18 und 19) haben sich nach Mauritius abgesetzt.

Seit 2 Jahren baut Marceline Perrine auf einem kleinen Stückchen Land ihrer Mutter sowie einem Fleckchen hinter ihrer Hütte Mais und Gemüse an. Tomaten, Zwiebeln, Karotten….. die sie auf dem Markt verkauft. Außerdem geht sie putzen, wann immer sie Gelegenheit dazu bekommt. Sie kommt, wie sie selbst sagt, durch mit ihren Kindern, und lächelt dabei. Niemals würde sie jammern, oder gar um etwas bitten. Das verbietet ihr der Stolz. Dennoch zeigt sie sich unendlich dankbar für ein paar abgelegte Kinderklamotten, die ich aus München mitgebracht hatte.

Ihr Anwesen hält sie penibel sauber, ihre Kinder und sie selbst sind ordentlich gekleidet. Dass es nahezu an allem fehlt, wird dem Besucher schnell klar, wenn er sich ein wenig umschaut. Die Küche draußen im Holzverschlag. Hinter der Hütte ein Vorhang mit einer Plastikschüssel dahinter: das Bad. Der Wassertank wird alle zwei Wochen aufgefüllt, etwas versteckt hinter Sträuchern eine Wellblech-Latrine.

Die beiden 11- und 8-jährigen Mädchen müssen sich ein Bett teilen, die jüngste Tochter schläft auf dem Sofa.

Wenn es regnet wird es in der Hütte feucht und klamm. Alle Kinder leiden an Asthma. Zweimal musste Alex in der Woche meines Inselbesuches wegen starker Anfälle ins Hospital.

Um die Wohnsituation zu verbessern, gibt es einen Kostenvoranschlag für den „Anbau“ eines gemauerten Zimmers an die Wellblechhütte. Geplant ist, dass darin zunächst alle Mädchen sowie die älteste Tochter mit ihrem Baby schlafen. Letztere wird – wie es scheint – dann in ein paar Wochen zum Vater ihres Kindes, und Marceline Perrine selbst würde ebenfalls ins gemauerte Zimmer ziehen.

Bisher hat Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. Marceline Perrine mit kleinen Beträgen für Saatgut, Wasserschläuche zum Bewässern ihres Gemüseanbaus sowie Schulgeld für Alex, der das Gonzague Pierre Louis Special Learning Centre besucht, und ein paar Schuhe für die Kinder unterstützt.

250 € sind auf einen Festkonto auf der Insel für sie noch vorhanden. Durch die Münchner Familie von Isolde Gertig sind über das Netzwerk weitere 150 € dazu gekommen und aus einem anderen Unterstützungsfond stehen ebenfalls 150 € zur Verfügung. Für den gemauerten Anbau liegt jetzt ein Kostenvoranschlag vor, demzufolge 625 € noch fehlen. Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. wird die Differenz übernehmen.

 

Wie Marceline Perrine versuchen viele allein erziehende Mütter auf der Insel mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mittel ihren Kindern Liebe und eine Chance auf eine bessere Zukunft zu geben.

Helfen Sie uns, dass wir wenigstens einige weitere unterstützen können.

 

PS: Übrigens hat die auf Rodrigues lebende deutsche Birgit Rudolph einen Internet-Blog über das Inselleben eingerichtet: http://insel-rodrigues.blogspot.com

Es lohnt sich, da mal reinzuschauen

 

Kathrin Seyfahrt

im April 2008

 

 

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