Rodrigues-Reise vom 11. bis 20. November 2010
Im Gonzague Pierre Louis Centre hatten die großen Ferien schon begonnen. Trotzdem kamen viele Schülerinnen und Schüler und Eltern am 12. November zur Schule um „Danke“ zu sagen für die Unterstützung, und um vom „Ausflug nach Mauritius“ zu berichten, den Schuldirektorin Susan Auguste gemeinsam mit 15 älteren Kindern zwischen 9 und 13 Jahren, ein paar Lehrerinnen und einigen Müttern im Oktober unternommen hat. 10 Tage währte die Reise, wobei die Hinreise mit dem Fährschiff Mauritius Pride 26 Stunden, die Rückreise 36 Stunden dauerte.
Natürlich waren alle Kinder begeistert und plapperten anlässlich meines Besuchs munter drauf los.
Die Hauptstadt Port Louis mit ihrem Hafen hatte es ihnen angetan. Aber auch die Ausflüge ins Inselinnere, in den Botanischen Garten und in den Krokodil-Park.
Gewohnt haben sie im Norden in einem katholischen Schwesternheim.
Natürlich musste ein Besuch bei McDonald sein, ebenso wie einmal Pizza-Hut. Zum schwimmen im Hotel-Pool und einem richtigen creolischen Buffet hat das Hotel Preskil alle eingeladen und war damit fast der Höhepunkt. Was die Kinder jedoch am allermeisten beeindruckt hat, waren die Verkehrsampeln. Solche gibt es auf Rodrigues keine einzige.
Bis auf Susan Auguste, die sich „dank“ Klimaanlage auf der Rückfahrt eine schwere Bronchitis geholt hat, sind alle Kinder und ihre Begleitpersonen wohlbehalten und voller Bilder und Eindrücke wieder nach Rodrigues zurückgekehrt. So soll auch im kommenden Jahr wieder eine Mauritius-Reise stattfinden, damit weitere Kinder die Chance bekommen, wenigstens einmal in ihrem Leben ihr Mutterland beziehungsweise ihre Mutterinsel kennen zu lernen.
Die französiche Hilfsorganisation „Enfant Partage“ die viele Jahre lang die kleine Behinderteneinrichtung unterstützt hat, zahlt seit 2009 nicht mehr, „weil Mauritius kein Dritte-Welt-Land ist“. Das ist zweifellos richtig. So arm wie Burkina Faso, Äthiopien, Tansania ist der Inselstaat keineswegs, aber „Rodrigues ist nicht Mauritius“, erklärt der britische Honorarkonsul Sir Paul Draper, „und wird von seiner ’großen Schwester’ nach wie vor wie ein Aschenputtel behandelt, und es gibt eine große, sichtbare Armutsschicht.“
Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. wird wie vertraglich mit dem Gonzague Pierre Louis Centre vereinbart auch in 2011 Schule und Kindergarten mit insgesamt 3.600 Euro unterstützen. In welcher Höhe die Hilfe über das Jahr 2011 hinausgeht, wird im Laufe des Jahres entschieden. Es wird auch ein bisschen von den neuen mauritischen Firmenchefs abhängen. Diese sind nämlich seit geraumer Zeit gesetzlich dazu verpflichtet 2 % ihrer jährlichen Gewinne an regierungsunabhängige Organisationen – NGOs – oder Armenprojekte zu spenden. Rodrigische NGOs haben davon bislang nur wenig zu spüren bekommen.
Ab dem 17. Januar wird die Münchnerin Jane Radjei-Binder ehrenamtlich und auf eigene Kosten für 5 Wochen ein Voluntariat im Gonzague Pierre Louis Centre machen. Auf ihren Erfahrungs- und Lagebericht dürfen wir gespannt sein.
Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. unterstützt auf Rodrigues seit 2004 Marie Bernard und ihre Familie, nachdem Zyklon Kalunde am 12. März 2003 in Haus und Garten schwerste Verwüstungen angerichtet hatte. Immer wieder wurde seither die Familie mit Lebensmitteln wie Reis, Mais, Öl, Gemüse und Milchpulver unterstützt. Nach und nach wurde aus deutschen Spendengeldern und EU-Förderung, die Projektleiterin Susan Auguste beantragt hatte, das alte Steinhaus saniert. Eine völlig marode Wellblechhütte wurde durch einen Container ersetzt, und zwischen beiden wurde als Verbindung eine „Wohnküche“ gebaut.
Auf dem 387 m² großen Stück Land stehen einige Bananenstauden. Kartoffeln und Gemüse könnten angebaut werden. Paul Draper und Susan Auguste haben immer wieder Anläufe unternommen und Mittel zur Verfügung gestellt. Leider sind sie auch immer wieder aufgrund mangelnder Motivation gescheitert, nicht aus Mangel an Kenntnis. Außerdem haben die erwachsenen männlichen Kinder und Enkel Marie Bernards massive Alkoholprobleme. Marie Bernard selbst inzwischen ca. 80 Jahre alt und sichtbar müde. Von ihrer kargen Rente besorgt sie leider auch immer wieder Bier und Schnaps. Geld, das dann vorn und hinten fehlt.
Ein Moskitonetz, das Susan Auguste im März 2010 für das Bett der beiden spastischen Kinder Alana und Kelly mitgebracht hatte, war bei meinem Besuch im November noch nicht angebracht. Der passende Deckenhaken war unangerührt mitsamt Netz in der Verpackung. Niemand fühlte sich verantwortlich für die Anbringung. Alanas’ und Kellys’ Augen und Mund waren über und über mit Fliegen besetzt.
Wurde die Unterstützung der Familie anfangs dankbar angenommen, so scheint sie zunehmend mehr und mehr zur Selbstverständlichkeit geworden zu sein. Die Wohnräume waren ziemlich verdreckt, die Kleidung der Kinder teilweise zerrissen, die Bäuche der Kleinsten aufgebläht, ihre Haut rissig, ihre Haare stumpf.
Traurig mit anzusehen. Dennoch haben Paul, Susan und ich beschlossen hier nicht länger zu unterstützen. Außer, dass die beiden Enkel Jonathan und Sivila sowie die Urenkel Ashvena und Ashley weiter ins Gonzague Pierre Louis Centre in die Schule beziehungsweise den Kindergarten gehen dürfen.
Was wir tun konnten, haben wir getan. Eine weitere Förderung dieser Familie kann ich den Spendern gegenüber nicht verantworten. Zumindest nicht solange Geld für Alkohol, Fernsehen und Handys ausgegeben wird und die erwachsenen Familienmitglieder faul und unmotiviert den lieben langen Tag vorm Haus rumhängen.
Wie anders die ebenfalls von Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. unterstützte Familie von Marceline Perrine. Wenn auch hier nicht alles so gelaufen ist wie geplant, aber Haus und Hof und Kleidung der Kinder werden sauber und in Ordnung gehalten.
Marceline Perrine war zurzeit meines Besuches im Krankenhaus auf Mauritius. Was ihr genau fehlt konnten wir bislang nicht in Erfahrung bringen.
Die inzwischen 19jährige Priska hat mit ihren beiden Kindern (1 und 2 Jahre alt) ihren Mann verlassen und ist zurückgekehrt. Sehr zum Ärger ihres 17jährigen Bruders Alex, der sich, gerade wo die Mutter nicht da ist, als männliches Familienmitglied als verantwortliches Oberhaupt für seine Schwestern fühlt. Alex war nicht zuhause als Susan Auguste und ich die Familie besuchten. Er hat derzeit einen Gelegenheitsjob. Wie er jedoch einige Wochen zuvor Susan erzählte, würde Priska abends mit verheirateten Männern ausgehen und ihre Kinder vernachlässigen.
Die jüngeren Schwestern Josca (13), Stephanie (9) und Benjamine (7) hatten Schulferien und waren zuhause. Alle drei sind gute bis sehr gute Schülerinnen.
Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. hat die Familie seit 2004 unterstützt. So wurde die Wellblechhütte um ein Steinhaus erweitert. Bei dem Bau halfen Brüder von Marceline Perrine tatkräftig mit. Es wurde beim Aufbau einer kleinen Landwirtschaft geholfen und der Kauf von Schuluniform, Schuhen und Schulmaterial unterstützt. Für Alex wurde eine Patenschaft durch eine Münchner Familie übernommen.
Wann Marceline Perrine zurückkehrt, ist noch ungewiss. So lange müssen die Kinder eigenverantwortlich ihr Leben regeln. Neue Schuluniformen und Schulmaterial für die Mädchen werden notwendig. Sie sollen auch in 2011 durch Wunschträume/Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V. übernommen werden.
Wenn sie etwas für die Mädchen von Marceline Perrine oder für die Kinder im Gonzague Pierre Louis Centre tun möchten, helfen Sie uns.
46 Kinder werden Schule und Kindergarten ab dem am 10. Januar beginnenden Schuljahr 2011 besuchen. Die Kinder, die zumeist aus sehr armen Familien stammen, bekommen täglich eine ausgewogene Mahlzeit. Sie bekommen Schuluniform, Schuhe, Hefte, Stifte. Einige benötigen Hörgeräte, Sehhilfen oder Medikamente gegen Epilepsie.
Nicht alle Kinder schaffen den „großen Sprung“, aber alle werden später ein eigenständiges Leben führen und für ihren Lebensunterhalt selbst etwas verdienen können.
Die für mich schönsten Beispiele, was durch Förderung möglich ist, sind die inzwischen 13jährige Sharon, die einfach in den Jahren, die ich sie jetzt kenne, aus einem ’zugeknöpften’, nicht sprechen könnenden Mädchen zu einem fröhlichen Teenager geworden ist. Ein anderes Mädchen hat es nach dem Schulabschluss am Gonzage Pierre Louis Centre auf eine weiterführende Schule geschafft und besucht inzwischen sogar das College, wo sie in ihrer Klasse die Beste ist.
Der heute 6 jährige Alex hat in den 3 Jahren seines Kindergartenbesuchs solche Fortschritte gemacht, dass er ab 10. Januar die ganz normale Grundschule besuchen kann.
Schöne Erfolge, zu denen Sie, liebe Spenderinnen und Spender beigetragen haben.
Dafür ein herzliches Vergelt’s Gott und zugleich große Bitte, unsere Arbeit auf der kleinen und fernab gelegenen Insel Rodrigues auch weiterhin zu unterstützen.
Kathrin Seyfahrt
3. Januar 2011